REZENSION


Das Wunder eines Augenblicks

von Rita Engelhardt

Haben Sie auch mit Jeremy Marsh gelitten? Wunderten Sie sich ebenfalls über Lexie Darnells Verhalten, als sich die beiden in Die Nähe des Himmels das Leben gegenseitig schwer machten und sich ihre Liebe nicht eingestehen wollten? Waren Sie auch erleichtert, als durch Lexies Großmutter Doris endlich der Stein ins Rollen kam?

Meisterhaft gelang es Nicholas Sparks in seinem letzten Roman seine Leser zu fesseln. Die Geschichte endete mit einem Happy End, Jeremy und Lexie bekannten sich nach vielen Missverständnissen endlich zu ihrer Liebe. Doch wer hätte nicht gerne gewusst, wie die Geschichte weiter geht, nachdem der smarte New Yorker endlich bereit war, seiner Südstaatenlady nach Boone Creek zu folgen?

Der neue Roman von Nicholas Sparks Das Wunder eines Augenblicks beschert dem Leser eine Fortsetzung der Geschichte. Aber auch wer Die Nähe des Himmels nicht gelesen hat, wird schon nach der Lektüre der ersten Seiten mit den Protagonisten vertraut: Der New Yorker Journalist Jeremy, seine geliebte Lexie und deren Großmutter Doris. Die kleinstädtische Südstaatenromantik von Boone Creek mit ihrer herrlichen Natur bildet den idyllischen Hintergrund für die romantische Liebesgeschichte, in der Nicholas Sparks das Szenario des vorangegangenen Romans wieder aufleben lässt.

 

Abschied von Manhattan

Jeremy Marsh, der smarte Wissenschaftsjournalist, Sohn eines irischen Vaters und einer italienischen Mutter, ist zweiundvierzig Jahre alt. Der gut aussehende New Yorker mit seinen dunklen, welligen Haaren, hellblauen Augen und dem lässigen Dreitagebart, hat sich bei einem Aufenthalt in Boone Creek, einem kleinen Städtchen in North Carolina, unsterblich verliebt. Liebe auf den ersten Blick? Gibt es die überhaupt? Jeremy hat sich mit der Entscheidung sehr schwer getan. Denn wer beschließt schon spontan, die Chance auf einen Job beim Frühstücks-Fernsehen auszuschlagen, sein Leben in New York City hinter sich zu lassen und nach Boone Creek zu ziehen - einer Stadt, die nicht viel mehr ist als ein Punkt auf der Landkarte? Nach einer gescheiterten Ehe und vielen kurzfristigen Affären ist Jeremy skeptisch. Doch seine Liebe zu Lexie ist so stark, dass er immer mehr zu der Ansicht kommt, dass sie füreinander bestimmt sind und zusammen glücklich werden könnten. Und so hat er Lexie am Valentinstag auf dem Empire State Building einen Heiratsantrag gemacht.

Sein bester Freund Alvin hilft ihm, seine Wohnung in Manhattan auszuräumen. Er bezweifelt, dass Jeremy die richtige Entscheidung getroffen hat und quält ihn mit Fragen. Kennt er Lexie wirklich gut genug, um mit ihr in den Südstaaten zu leben? Ist es beruflich die richtige Entscheidung, von New York weg zu gehen? Dazu kommt, dass Lexie ihn vor kurzem mit der Mitteilung überrascht hat, sie sei schwanger. Das hat Jeremy zwar sehr erfreut, doch die Liste all der neuen Dinge, die in nächster Zeit auf ihn zukommen, wächst: Umzug nach Boone Creek, eine Hochzeit planen, einen Hausstand gründen und sich auf ein Kind vorbereiten. Wird er alle diese Herausforderungen meistern?

 

Willkommen in der Kleinstadt

In Boone Creek angekommen, werden die beiden Verliebten mit einer großen Party gefeiert. Jeremy wird allerdings auch schnell mit den moralischen Gepflogenheiten einer Kleinstadt im Süden konfrontiert. Er kann nicht zusammen mit seiner Geliebten in ihrem kleinen Häuschen leben. Er muss sich - solange sie noch nicht verheiratet sind - in einem Hotel einmieten. Schweren Herzens zieht er in das Green Leaf, einer eher bescheidenen Unterkunft inmitten eines Sumpfgebietes, in der er bereits während seiner Recherchen im vergangenen Jahr gewohnt hatte. Wenn er Lexie besuchen will, muss er sehr diskret sein. Das Auto darf nicht vor ihrem Haus parken. Wenn er bei ihr schläft, muss er sich vor Sonnenaufgang verabschieden. Obwohl er Lexie über alles liebt, beginnt er sich allmählich zu fragen, ob es wirklich eine gute Idee war, nach Boone Creek zu ziehen.

Im Verlauf der nächsten Monate lebt sich Jeremy jedoch immer besser in Boone Creek ein. Er schätzt das milde Klima, die üppige Natur, den blitzblauen Himmel, die blühenden Azaleen. Die Luft ist von süßen Düften erfüllt, in die sich das Aroma von Kiefernnadeln und salziger Gischt mischt. Jeremy gewöhnt sich an einen regelmäßigen Tagesablauf. Er besucht Lexie in ihrer Bibliothek, manchmal gehen sie gemeinsam essen. Häufig nutzt er den Bibliotheks-Computer, denn in seinem Hotelzimmer steht ihm kein brauchbarer Internet-Anschluß zur Verfügung. Doch immer, wenn er sich hinsetzt, um zu schreiben, fühlt sich sein Gehirn an wie eine breiige Masse. Die Tastatur scheint ihn zu hassen. Warum tut er sich plötzlich so schwer? Jeremy schüttelt all diese Gedanken von sich. Doch es gibt wichtigere Dinge zu tun. Ein Haus zu finden für seine neue Familie, ein Auto zu kaufen, die Hochzeit zu organisieren, den Junggesellenabend zu planen.

Die beiden Verliebten freuen sich auf ihre Hochzeit und die Geburt ihres Kindes und meistern alle Aufgaben und Probleme, die sich ihnen stellen. Doch Jeremy gelingt es dennoch nicht, sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden. Ihn plagt eine Schreibhemmung. Es mangelt ihm zwar nicht an Ideen für neue Stories, aber seine Kreativität ist blockiert. Bisher war es für ihn kein Problem, seinen Lebensunterhalt als freier Journalist zu verdienen. Doch nachdem sein Aktienkonto zum großen Teil geplündert ist, zum einen für den Hauskauf, zum anderen für die ständig wachsenden Rechnungen für die Renovierung und das neue Auto, muss er Geld verdienen. Jedoch die Schreibimpulse bleiben aus, seine Gedanken wirbeln wild durcheinander, sobald er den Computer anschaltet.

 

Alte Wunden

"Woher weißt du, dass das Kind von dir ist?" Diese anonyme Nachricht findet Jeremy eines Tages in seiner Mailbox. Sie stürzt ihn in schwere Zweifel und tiefe Depressionen. Alte Wunden werden wieder aufgerissen. Seine erste Ehe war an der Tatsache gescheitert, dass Jeremy aus medizinischen Gründen nur geringe Chancen hatte, jemals ein Kind zu zeugen. Er beginnt erneut, sein Leben in Boone Creek in Frage zu stellen. Hat Lexie ihn betrogen? Ist er wirklich der Vater des ungeborenen Kindes? Sein ganzes Glück steht plötzlich auf dem Spiel, als Jeremy weitere anonyme Nachrichten erhält, die ihm verraten, dass Lexie schon einmal schwanger war - von einem früheren Freund. Das Kind hatte sie abtreiben lassen.

Jeremy beginnt allmählich Lexie zu mißtrauen. Ist sie wirklich aufrichtig? Ist er vor Liebe blind? Solange er mit ihr zusammen ist, fühlt er sich glücklich und beschimpft sich selbst als paranoid. Wenn er jedoch alleine in seinem Hotelzimmer sitzt und seiner Fantasie freien Lauf lässt, überkommen ihn Zweifel.

Die Vorbereitungen für das Hochzeitsfest sind abgeschlossen. Die Renovierungsarbeiten am Haus machen gute Fortschritte. Die Anspannungen der letzten Wochen sind vergessen. Das Paar ist voller Vorfreude. Und als der große Tag endlich gekommen ist, feiern Jeremy und Lexie im Kreis ihrer Lieben eine romantische Traumhochzeit.

Das frisch vermählte Paar verbringt Wochen des ungetrübten Glücks in ihrem neuen Haus. Doch Jeremy kämpft immer noch mit seiner Schreibhemmung. "Ich habe einen Autor geheiratet, ich möchte, dass du schreibst." Mit diesen Worten beginnt Lexie eines Abends ein Gespräch über Jeremys Arbeit, seine Schwierigkeiten. Und sie versichert ihrem Mann, dass sie nicht darauf bestehen wird, in Boone Creek zu leben, wenn es seinem Beruf und seiner Karriere dient. Vielleicht ist es dieses Gespräch, das Jeremy hilft, in den nächsten Wochen seine Blockade zu überwinden? Es gelingt ihm zumindest, mit Freude zu arbeiten. Viel zu lange hat er - unbewusst - sein Leben als Zwang empfunden. Doch er macht sich bewusst, dass er freiwillig hier ist: Das Leben im Süden und an Lexies Seite ist für ihn genau das Richtige.

 

Dunkle Wolken

Lexie und Jeremy freuen sich auf ihr Kind. Es wird ein Mädchen werden, das haben die ärztlichen Untersuchungen ergeben. Sie nennen sie Claire, das ist der Name von Lexies verstorbener Mutter. Und sie schmieden Pläne für die Zukunft, machen sich Gedanken über die Erziehung ihres Kindes, und sind voller Sorge, ob sie gute Eltern sein werden. Alle Schwierigkeiten, die die beiden in ihrem gemeinsamen Leben in Boone Creek zu bestehen haben, scheinen überwunden zu sein …

Nicholas Sparks lässt seine Leser an dem Glück seiner beiden Protagonisten teilhaben. Man schwelgt in Südstaatenromantik, bewundert die geschmackvollen Einrichtung des Hauses, erlebt in Boone Creek einen wunderschönen Sommer, bis zu dem Tag, an dem eine routinemäßige Ultraschall-Untersuchung eine Gefährdung für Mutter und Kind anzeigt. Von Woche zu Woche leben die künftigen Eltern nun auf die Arztbesuche hin und hoffen, dass sich bis zur Geburt ihrer Tochter keine Komplikationen ergeben. Doch das Glück der jungen Familie wird erneut auf eine harte Probe gestellt…

 

Der neue Roman des Bestsellerautors ist die mitreißende Fortsetzung von Die Nähe des Himmels. Bis zur letzten Seite ist der Leser gefesselt, teilt mit den Protagonisten Kummer und Leid. Und doch gelingt es Nicholas Sparks, seinen Roman mit einem versöhnlichen Blick auf die Herausforderungen des Lebens zu beenden.

Rita Engelhardt
München, Mai 2006