Für den Wissenschaftsjournalist Jeremy Marsh ist die Freiheit der Meinungsäußerung das höchste Gut. Mit seiner regelmäßigen Kolumne im Scientific American hat er sich bereits als investigativer Journalist einen Namen gemacht und den Ruf erworben, komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge so einfach und verständlich zu erklären, dass auch Laien sie nachvollziehen können. Er arbeitet als freier Journalist, immer auf der Suche nach interessanten Themen und spektakulären Enthüllungen, denn trotz seines Renommees verdient er mit seiner Kolumne nicht besonders viel Geld.
Wieder einmal auf der Suche nach einem spannenden Thema sitzt Jeremy eines Tages als Gast in einer Talkshow, in einer der beliebtesten Nachmittagssendungen der Vereinigten Staaten, und schaut sich einen Geisterführer an, der Stimmen aus dem Jenseits vernehmen kann. Als Wissenschaftsjournalist mit gesundem Realismus ausgestattet und mit dem Ehrgeiz, alle Dinge naturwissenschaftlich zu hinterfragen, hat Jeremy sich die letzten Jahre vorrangig mit Hellsehern, Geisterführern und spirituellen Medien beschäftigt, hat Betrügereien, Tricks und Fälschungen aufgedeckt. Nun will er versuchen, die Machenschaften auch dieses Betrügers im Fernsehen zu entlarven. Und es tritt genau das ein, was sich Jeremy gewünscht hat: Er wird als nächster Kandidat ausgewählt und der Geisterführer geht ihm auf den Leim. Jeremy deckt seine Methoden auf, und es gelingt ihm damit ein großer Coup. Wichtige Fernsehsendungen interessieren sich auf einmal für "Amerikas angesehensten Wissenschaftsjournalisten". Eigentlich bedeutet ihm eine seriöse Berichterstattung mehr, doch das Fernsehen ist eine fantastische Geldquelle. Zumal er als "typischer New Yorker", mit dunklen, welligen Haaren, hellblauen Augen und einem lässigen Dreitagebart, stets schwarz gekleidet, eine telegene Erscheinung ist.
"Ein Meilenstein in deiner Karriere, für einen Reporter eine irre Chance, ein Riesenschritt nach vorn", so tönen sein Agent und seine Freunde. Doch Jeremy ist skeptisch, ob das Fernsehen der richtige Weg für ihn ist. Er bleibt realistisch und ist entschlossen, erst einmal in den Südstaaten für seine Kolumne zu recherchieren.
Eine andere Welt
Vor kurzem erhielt er einen Brief von einer Frau, die ihn über ein Phänomen unterrichtete, das in den Südstaaten aufgetreten war: die Lichter von Boone Creek. Dort heißt es, dass der Friedhof von den Geistern ehemaliger Sklaven aufgesucht wird. Und im Winter scheinen, wenn der Nebel kommt, auf den Gräbern blaue Lichter zu tanzen. Jeremy hatte von New York aus schon einige Fakten recherchiert, doch ein ernsthafter Journalist verlässt sich auf nichts und niemanden, nur auf die eigene Arbeit, und ermittelt besser selbst vor Ort.
Ausgestattet mit dem notwendigen technischen Gerät, mit verschiedenen Kameras, Camcorder, Audiorekorder, Mikrofonen, einem Detektor für Mikrowellenstrahlung und für elektromagnetische Strahlen, einem Kompass, einer Nachtsichtbrille und einem Laptop, reist der New Yorker Yuppie-Journalist in den finsteren Süden, in ein winziges Kaff in North Carolina. Schließlich will Jeremy gewissenhaft vorgehen - wie ein professioneller Geisterjäger, ein echter Ghostbuster!
Boone Creek war schon immer ein Ort gewesen, in dem alles anders war als anderswo. Eine Stadt, die nie versucht hatte, mit der modernen Entwicklung Schritt zu halten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte der Eisenbahnboom das Städtchen. Wälder wurden abgeholzt, Steinbrüche entstanden. Der Wohlstand der Bürger des kleinen Ortes stieg und sank im Einklang mit der Wirtschaftslage, und so ist Boone Creek, eine der ältesten Städte North Carolinas, heute auch eine der verschlafensten, in die niemand freiwillig zieht, der reich werden möchte. Die Jugendlichen kommen nach dem College nicht zurück in ihren Heimatort. Wer hier lebt, ist von der "Nähe des Himmels" angetan, liebt den Pamlico River, die schwülen Sommerabende und die strahlenden Farben des Herbstlaubs. Man lebt in Boone Creek, weil man seine Nachbarn kennt und sich auf sie verlassen kann. Jeder kennt jeden, alle Geschehnisse sprechen sich im Ort schnell herum.
Auch das Eintreffen des Journalisten aus New York bleibt nicht lange ein Geheimnis. Nachdem Jeremy an einer Tankstelle nach dem richtigen Weg gefragt hat, wird er schnell zu dem Ereignis in der Stadt, denn Neuigkeiten "passierten die Kleinstadt ebenso schnell wie eingeweichte Dörrpflaumen ein Baby".
Ohne zuvor sein Hotel aufzusuchen, führt Jeremys erster Weg an den Ort der seltsamen Erscheinungen, den sagenumwobenen Friedhof Cedar-Creek, der eine perfekte Kulisse für Spukgeschichten abgibt. Umgefallene Grabsteine mit verwitterten Namen, hohes Gestrüpp, eingestürzte Mauern deuten daraufhin, dass in den letzten dreißig Jahren niemand mehr hier bestattet wurde.
Southern Belles
Während Jeremy sich einen Überblick über die einsame Gegend verschafft, wird er von einer jungen Frau überrascht. Mit ihren langen braunen Haaren, ihrem olivbraunem Teint und ihren fast violett wirkenden Augen hinterlässt sie bei Jeremy einen nachhaltigen Eindruck. Noch mehr verwundert ist er über ihre freundliche, aber zugleich zurückweisende Art. Ist sie eine der von Männern so gefürchteten "Southern Belles", eine jener Südstaatenfrauen, vor denen ihn sein Freund vor der Abreise aus New York noch gewarnt hatte, weil sie etwas an sich haben, das die Männer um ihren Verstand bringt?
Jeremy macht sich auf den Weg nach Boone Creek, um erst einmal die Frau zu treffen, von der er die Informationen zu den "Friedhofs-Erscheinungen" erhalten hatte. So lernt er Doris kennen, eine außergewöhnliche Frau, die im Ort eine stadtbekannte Gaststätte, einen beliebten Treffpunkt für alle Einheimischen, betreibt. Sie ist eine "Gedankenleserin" mit hellseherischen Fähigkeiten, doch aufgeschlossen genug, um Jeremy mit allen interessanten geschichtlichen Details auszustatten, die es zum Cedar-Creek-Friedhof zu erzählen gibt. Der Journalist ist beeindruckt von dieser Frau. Sie hat eine angeborene Begabung, auf Erinnerungen und Erfahrungen zurückzugreifen und diese rasch und präzise mit ihrem gesunden Menschenverstand zu kombinieren, eine Fähigkeit, die oft leichtfertig als übernatürlich gedeutet wird. Doch bei Doris scheinen diese Talente wirklich über das Normale hinauszugehen.
Leicht verwirrt verlässt Jeremy die beeindruckende "Gedankenleserin". Sie hatte ihm am Ende der Unterredung prophezeit, dass es in seinem Leben Dinge geben wird, die nichts mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun haben und die sein Leben verändern würden - und zwar auf eine Weise, die er sich nicht vorstellen könne.
Eine schicksalhafte Begegnung
Jeremy verlässt sich da lieber auf Fakten. Um zu recherchieren sucht er die Bibliothek auf, die Doris ihm empfohlen hatte. Die Stadtbücherei von Boone Creek macht auf Jeremy einen befremdlichen Eindruck. Die Stadtverwaltung hat zwar in der Vergangenheit alles getan, um das einem Gespensterschloss ähnliche Gebäude einladend zu gestalten, doch der verwöhnte New Yorker Journalist ist enttäuscht: Im Inneren des Gebäudes erwartet ihn grelles Neonlicht und gerade mal sechs Bücherregale, auf denen weit weniger Bücher zu finden sind, als er während seines Lebens für seinen privaten Bedarf gekauft hat. Doch das Haus birgt größere Schätze als es auf den ersten Blick vermuten lässt. Nachdem Jeremy die Örtlichkeiten besser kennen gelernt hat, stellt er fest, dass die Bibliothek noch weitere Räume umfasst - mit verschiedenen Fachbibliotheken, handschriftlichen Aufzeichnungen, Manuskripten und historischen Landkarten. Dies alles ist das Werk von Lexie, der Bibliothekarin. Es ist ihre Bibliothek. Bereits ihre Mutter hatte sich um den Aufbau der Bestände gekümmert, und Lexie führt diese Aufgabe nun mit großem Spaß und Engagement fort.
Und so trifft Jeremy in der Stadtbibliothek völlig unerwartet die Frau wieder, die ihm bereits auf dem Cedar-Creek-Friedhof begegnet war. Lexie Darnell - vom Besuch des New Yorkers durch ihre Großmutter Doris vorgewarnt - begegnet dem Fremden wiederum mit der ihr üblichen kritischen Distanz, die solche "Charmeure" wie Jeremy bei ihr auslösen. Der jedoch fühlt sich von der "Southern Belle" magisch angezogen, lässt seinen "Turbo-Charme" spielen, erkennt jedoch schließlich, dass diese Frau anders ist als andere: selbstbewusst, schön, charmant, alles auf einmal. Seine in New York erprobte Flirtroutine verfängt nicht bei ihr. Er ist unsicher und verwirrt. Liegt es am Südstaatenakzent, an ihrer Schlagfertigkeit, an ihren ungewöhnlichen Augen oder der Art, wie sie sich bewegt? Er fühlt sich zu ihr hingezogen und hat den Wunsch, während seines Aufenthalts in Boone Creek möglichst viel Zeit mit ihr zu verbringen. Auch Lexie Darnell erkennt sich selbst nicht wieder. Bisher zufrieden mit ihrem Leben in der von ihr so geliebten Heimat Boone Creek, nahe der verehrten Großmutter, versehen mit einem guten Job in der Bibliothek, beginnt sie auf einmal, ihr bisheriges Single-Leben zu reflektieren. Die Begegnung mit Mr. Jeremy Marsh aus New York bringt ihr beschauliches Leben aus dem Gleichgewicht. Sie genießt seine Gegenwart, obwohl sie sich zunächst nicht sicher ist, ob sie ihn mag. Immer wieder kämpft sie mit widerstreitenden Emotionen, auch nachdem sie erkennt, dass Jeremy ein kluger, warmherziger Mensch ist, der auf humorvolle Weise ihre unterschiedlichen Ansichten und Lebensstile akzeptiert.
Von der Nähe des Himmels
"Wenn zwei Menschen wirklich wollen, können sie es schaffen!" So denkt Jeremy Marsh, der sich eingesteht, dass er unsterblich verliebt ist in Lexie und dass er lieber mit ihr zusammen wäre als in sein altes Leben nach New York zurückzukehren.
Schließlich bricht Jeremy zusammen mit Lexie in einer nebligen Nacht zum Friedhof auf, um die Legende von den Lichtern durch wissenschaftliche Messungen zu widerlegen, was ihm auch gelingt: Es sind von der Natur verursachte Lichtreflexionen und keine übersinnlichen Erscheinungen. Am letzten Tag seines Aufenthalts entdeckt er in der Bibliothek in einem alten Notizbuch, dass ein Bürger Boone Creeks bereits vor vielen Jahren ähnliche Beobachtungen gemacht und niedergeschrieben hatte. Keine Geistererscheinungen also, doch der Versuch, dem kleinen Städtchen im Süden der USA zu Medienwirksamkeit zu verhelfen und Touristen in die Stadt zu locken.
Je näher Jeremys Abreise aus Boone Creek rückt, desto mehr zieht sich Lexie von ihm zurück. Es kommt zu einem letzten, seltsamen Treffen, bei dem sich Lexie sehr abweisend verhält. Voller Verzweiflung tritt Jeremy die Heimreise nach New York an. Und nur mit großer Mühe findet er sich in seinem New Yorker Großstadtleben wieder zurecht. Doch als Doris, Lexies Großmutter aus Boone Creek, überraschend vor seiner Tür in New York steht, zieht es ihn in die "Nähe des Himmels"…
Romantik und große Gefühle
Es wäre nicht Nicholas Sparks, der "Großmeister der Gefühle" (Cosmopolitan), dessen Liebesromane von Fans in 46 Ländern verschlungen werden, wenn er - zum Ende seines neuen Romans - nicht noch einmal alle Register ziehen und seine LeserInnen in eine Verzückung aus Spannung und Mitgefühl versetzen würde. Sparks erweckt Sympathie für seine Figuren und bedient die Sehnsucht eines jeden Singles nach der großen Liebe. Seinen Glauben an das Gute im Menschen vermittelt er den LeserInnen so überzeugend, dass die Lektüre für einige Stunden die raue Wirklichkeit vergessen lässt. Labsal für die Seele, ein wohliges Bad der Emotionen. Auch sein neuer, bereits neunter Roman wird die Herzen der Sparks-Verehrerinnen auf der ganzen Welt höher schlagen lassen. Romantik pur - und absolut bestsellerverdächtig!
Rita Engelhardt
München, August 2005